... oder, meine Lebensgeschichte - Slogan
 
 
Ich kann noch nicht schlafen
Vocal: Astrid Kühl, Sydney Pieper und Sarah Burkhardt, Saxophon: Lako Awraam, Text: Astrid Kühl, Musik und Arrangement: Wolfgang Leminski
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Weihnachtsgeschichten
 
 
 
Wintertraum © Siegfried Kopf
 
 
 
Es war die Zeit der ersten Schneeflocken und somit kurz vor Weihnachten. Die ersten Nachtfröste hatten die letzten Blätter von den Zweigen der Bäume und Sträucher getrennt, kalte Winde spielten mit ihnen und den leise fallenden Schneeflocken ein lustiges Spiel - Schneeflocken wollten die Blätter bedecken, aber die immer wieder aufwirbelnden Blätter bedeckten den Schnee. Es schneite unaufhörlich, doch die kleine Welt draußen vor dem Fenster wollte nicht weiß werden. An keinem Platz fanden die großen Flocken Halt. Der Wind trieb sie vor sich hin und her, ließ sie fallen, um diese im selben Moment wieder aufzuscheuchen.
 
So ging es den ganzen Tag, es war Sonntag, und Anita hockte in ihrem kleinen Zimmer auf der Fensterbank und beobachtete dieses Treiben. Eigentlich wollte sie Suse anrufen, sie zum Spielen einladen, aber sie konnte sich nicht von diesem Schauspiel trennen. Alles schien an diesem Tag durcheinander zu geraten - die Blätter mit den Schneeflocken, die Wolken mit dem Wind und Anitas Gedanken. Sie dachte an so vieles, an die Schule und ihre Freunde, an die Großeltern, die sie so lange nicht besucht hatte, an ihre Katze Morle, die seit drei Tagen verschwunden war, und an die bevorstehende Weihnachtszeit.
 
Versunken in all diesen Gedanken bemerkte Anita nicht, dass es dunkel wurde. Der Lichterschein der Straßenlaterne grenzte das bunte Treiben ein. Die Blätter raschelten immer noch im Wind, aber zu sehen waren sie nicht mehr. Nur die großen Schneeflocken waren noch im schmalen Lichterkegel, welcher sich unendlich in die Dunkelheit schnitt, zu sehen.
 
Der Übergang in diesen Traum war so nahtlos wie der Übergang vom Tag zur Nacht. Das Rauschen des Windes und das Rascheln der Blätter wurden zu einer süßen Musik, zu der Mädchen in weißen Kleidern um Anita herum tanzten und hüpften und lachten auf einer Straße nur aus Licht - es war ein Sonnenstrahl, und sie tanzten der Sonne entgegen. Nur mit Mühe konnte Anita sich im Kreise der unzähligen Mädchen mit ihren flockig-weißen Kleidern vorwärts bewegen, geschweige denn mittanzen. Sie spürte keinen Halt unter ihren Füßen, wurde im Sonnenstrahl getragen wie ein Blatt im Winde, hin und her gewirbelt, aber immer in der Mitte der tanzenden Mädchen gehalten. So ging es durch die Zeit, unaufhaltsam - und je mehr Zeit verging, desto heller wurde es, desto wärmer wurde es.
 
Anita begann langsam sich Sorgen zu machen - so weit und so lange war sie noch nie vom Zuhause fort gewesen. Und würde sie überhaupt jemals wieder nach Hause kommen? Der Sonnenstrahl schien eine Einbahnstraße zu sein - wenn sie es auch gewollt hätte, sie konnte nicht zurück. Sie tanzten und flogen vorbei an den Schatten der Nacht - Häuser ohne Fenster, Blumen ohne Blüten, Bäume ohne Früchte, Tiere ohne Farben - alles ohne Licht. Trotz des Auf und Ab, trotz der ständigen Bewegung und trotz der Dunkelheit am Straßenrand fühlte sich Anita geborgen und wohl in der Wärme und mit der Musik inmitten der tanzenden Mädchen.
 
Wer weiß, wie viel Zeit vergangen war, als plötzlich die Musik verstummte, die Mädchen aufhörten zu tanzen und Anita vor einem großen Fenster mit weißen Sprossen zum stehen kam. Anita hockte sich auf die Fensterbank. Um sie herum war alles still geworden, so still, dass sie glaubte zu hören, wie auf der anderen Seite des Fensters die Schneeflocken gegen den Lichtkegel prallten, der diese gefangen hielt. Aus der Dunkelheit, die draußen vor dem Fenster lag und nur vom Lichtkegel zerschnitten wurde, sahen Anita zwei grünleuchtende Sterne in die Augen. Der Wind hatte sein Spiel aufgegeben und aus der Stille der Nacht klang ein leises "MIAU". - Anita kniff sich selbst in die Wange, denn sie wollte nicht ihren Ohren trauen. Doch, sie war wirklich wach! Und draußen auf dem Fenstersims saß ihre Katze Morle - Anitas einziger Weihnachtswunsch war, und das schon heute, in Erfüllung gegangen ...
 
 
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Der alte Mann und der Wald © Siegfried Kopf
 
 
Es war einmal ein alter Mann, der lebte noch vor wenigen Jahren am
Stadtrand einer großen Stadt in einem großen wunderschönen Wald. Mitten in diesem Wald stand eine kleine Holzhütte - das bescheidene, aber urgemütliche Heim des alten Mannes. Der Wald war so dicht bewachsen, dass es noch keinem anderen Menschen gelungen war, in dieses Reich der ungestörten und vielfältigen Natur einzudringen. Wenn du nun denkst, dass der alte Mann in seinem wunderschönen Wald doch sehr einsam lebte, irrst du dich! Er war immer in Gesellschaft mit vielen Tieren, die hier ihr Zuhause hatten. Sie alle, der alte Mann und die Tiere des Waldes, lebten in dem wunderschönen Wald unzählige Jahre glücklich und zufrieden, denn hier fanden sie Schutz und Nahrung, Liebe, Zuwendung und Freiheit über das ganze Jahr.
 
Doch es kam der Tag, an dem alles ganz anders werden sollte: Der Schnee lag schon hoch, als der alte Mann - wie jedes Jahr zur Weihnacht - seinen hölzernen Schlitten mit Früchten des Waldes belud, welche er über das Jahr für die Stadtkinder gesammelt hatte. Und wie jedes Jahr hatte er auch viele Geschenke aus Holz gefertigt und geschnitzt: Flöten, Puppen, Schuhe, Bauklötze, Autos, Schiffe und vieles mehr, und alles wurde in Leinensäcke auf den hölzernen Schlitten geladen. Nach getaner Arbeit nahm der ate Mann noch eine kräftige Mahlzeit zu sich, trank einen heißen Fliederbeergrog und zog sich dann seinen langen roten Mantel über.
 
Es war Zeit für den Aufbruch in die große Stadt. Als er vor die Tür trat, hatte sich schon die Dunkelheit über den Wald gelegt und es schneite in dicken, weißen Flocken. Alle Tiere des Waldes waren vor der Hütte versammelt, um sich von ihrem alten Mann zu verabschieden. Ein bisschen wehmütig spannte der alte Mann einen starken Hirsch (vielleicht waren es auch vier) vor den Schlitten, einen Neunender, der den Weg in die große Stadt schon aus den Vorjahren kannte. Mit strahlender Miene ließ sich der Hirsch die Weihnachtsglocke um den Hals binden und in die Zügel nehmen. Mit dem Ruf: "Auf, auf, zur frohen Weihnacht!" machten sie sich auf den Weg zur großen Stadt, und die Tiere des Waldes horchten still und schweigend dem Spiel der Glocke nach, bis ein letzter Klang aus der Ferne hallte.
 
 
So kamen sie nach langer Fahrt an den Waldesrand, brachen aus dem Dickicht hervor, in das Lichtermeer der großen Stadt. Die Straßen waren vom Schnee leergefegt, doch mit Autos, Zweirädern und Menschen verstopft.  Mit dem vollbeladenen Schlitten blieb dem alten Mann und dem Hirsch nur der Weg über den zugefrorenen Burggraben, um in die Mitte der Stadt zum Marktplatz am Hafen zu gelangen - eine rasante Fahrt ohne Gegenverkehr begann. Begleitet wurden sie von kreischenden Möven und krächzenden Krähen, die selbst beim Fliegen Mühe hatten, dem schnellen Schlitten zu folgen.
 
Reges Treiben und Hektik begegneten dem alten Mann auf dem Marktplatz. Hirsch und Schlitten hatte er am Hafen zurücklassen müssen. Mit einem Sack voller Früchte, Nüsse und Geschenke auf dem Rücken stand er nun wie jede Weihnacht inmitten einer großen Welt, doch irgendwie erschien ihm diese Welt verändert, irgendwie erschien sie ihm krank.
 
Die  Menschen liefen ziellos an dem alten Mann vorbei, bemerkten ihn nicht, obwohl er für jeden ein Lächeln hatte. Nur den Kinderaugen entging er nicht, aber die Großen zogen die Kleinen hinter sich her, ließen ihnen keine Zeit zum Stehenbleiben. Die mit Geschenken ausgestreckte Hand des alten Mannes erreichte keine einzige Kinderhand. Zu schnell zogen die Menschen an ihm vorbei. Mit Autoabgasen war die Luft getränkt, mit Lärm die ganze Stadt erfüllt und die Schneeflocken fielen grau auf das Pflaster.  Finster wurde die Miene des alten Mannes, sein Lächeln verschwand, zu Grübeln er begann: "Was ist nur geschehen, was soll ich tun, um meine Geschenke doch noch den Kindern geben zu können?"
 
Ein einziges Kinderlachen hätte ihm wieder Mut geben können. Nachdenklich, aber nicht ohne Hoffnung, ging der alte Mann mit dem prallgefüllten Sack auf dem Rücken zurück zum Hafen, um sich mit dem Neunender zu beraten.
 
"Gehe zu den Wohnungen der Kinder, mach es wie der Weihnachtsmann, klopfe an die Türen und bitte um Einlass, damit du deine Gaben den Kindern unter die Christbäume legen kannst - sie warten doch schon auf dich!" - Das riet der Neunender dem alten Mann. Und so machte sich der alte Mann erneut auf, in seinem leuchtend roten Mantel, zu den Kindern der großen Stadt. Und erst jetzt fiel ihm auf, dass die Straßen ohne Schaufenster und ohne Weihnachtsschmuck waren, dass keine Stube mit dem Kerzenschein eines Weihnachtsbaumes erleuchtet lag, keine Glocke läutete und kein Weihnachtslied aus einer Wohnstube der großen Stadt erklang. Niemand öffnete dem alten Mann die Tür; er stand einsam und verlassen unter den vielen Dächern dieser ach so großen Stadt im ach so grauen Schnee.
 
Nach stundenlangen Versuchen, doch noch eine Tür zu finden, die sich ihm öffnete, gab der alte Mann resigniert auf. Ihn fror es in dieser großen Stadt, in der es auch keine Bäume gab. Mit weinendem Herzen machte er sich auf den Rückweg zum Hafen, hatte nur noch ein Ziel: zurück zu den Tieren, die ihn lieben, zurück in den großen wunderschönen Wald, zurück in seine urgemütliche Hütte, zurück in seine heile Welt, zurück zur Natur ...
 
"Alter Mann, warum weinst du?" Der alte Mann mochte seinen Ohren nicht trauen, lauschte in die Stadt hinein ... "Alter Mannn, hörst du mich nicht? Warum weinst du?" Erstaunt drehte er sich um, sah ein kleines Mädchen hinter sich herlaufen, welches nun direkt in seine Arme fiel. Voller Freude, doch noch mit einem Menschen, mit einem Kind, reden zu können, erzählte er dem kleinen Mädchen, warum er gekommen sei und von seinem Erlebnis in der großen Stadt. Von dem Mädchen erfuhr er, dass es ohne Eltern und Geschwister in dieser Stadt lebe, dass es in verschrotteten Autos schlafe und sich aus dem Müll der Leute der großen Stadt über das Jahr etwas zu Essen suche. Sie führte den alten Mann zu einem Autofriedhof, den sie ihr Zuhause nannte.
 
In einer großen alten Werkstatt trafen sich hier jedes Jahr zur Weihnacht alle obdachlosen Kinder der großen Stadt zur gemeinsamen Weihnachts-feier. Sogar einen Weihnachtsbaum hatten die Kinder sich besorgen können, welcher inmitten der großen Werkstatt in hellem Kerzenschein erstrahlte. Wunderschön, mit allen möglichen Abfällen der großen Stadt, hatten die Kinder den Tannenbaum geschmückt. Die Kinder saßen alle um ihn herum und sangen Weihnachtslieder, die der alte Mann noch aus seiner eigenen Kinderzeit kannte. "So viele frohe und glückliche Kinder", dachte der alte Mann, und sein Herz erwärmte sich wieder inmitten dieser lachenden Kinderschar - all seine Geschenke konnte er nun verteilen, und sie wurden gerne und dankend entgegengenommen. So gab es doch noch ein schönes Weihnachtsfest für die Kinder und für den alten Mann. Aber immer wieder musste der alte Mann an die anderen Menschen dieser großen Stadt denken, die mit ihren alltäglichen Sorgen Weihnachten vergessen hatten.
 
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge machte sich der alte Mann kurz nach Mitternacht auf den Heimweg. Es schneite noch immer dicke graue Flocken über die große Stadt. So still, wie der Schnee fiel, so still war es auch in der großen Stadt geworden. Alle Lichter waren erloschen - leblos lag die große Stadt dem alten Mann zu Füßen. Niemand fegte mehr die Straßen, sodass sich der graue Schnee ungestört ausbreiten konnte und alles für den Schlitten befahrbar wurde. Zurück ging es also durch die Straßen der großen Stadt, im gemächlich besinnlichen Tempo - der alte Mann und der Neunender nahmen Abschied für immer, von dem Grau der großen Stadt. Der alte Mann spürte, dass er nie wieder diese große Stadt mit ihren vielen traurigen Kindern würde besuchen können.
 
Und es war der Morgen nach Weihnacht - statt grauem Schnee viel saurer Regen - und die Menschen aus der großen Stadt begannen mit dem Abholzen des großen wunderschönen Waldes am Rande ihrer großen, ach so grauen Stadt. Denn sie brauchten Platz für neue Straßen, für neue Häuser, für neue Fabriken ... und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. 
 
 
 
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